Seit Jahren klagen die Hausärzte, sie würden aussterben. Medien und Politiker stimmten und stimmen in die Klage ein, und inzwischen melden sich auch immer mehr Gemeinden zu Wort, die vergeblich nach einem Nachfolger für den lokalen Hausarzt suchen, der in Pension geht. Um die Dramatik zu erhöhen, geben manche Zeitungen auch schon mal einem frustrierten Bürger zwei, drei Spalten im Blatt, der sich nach dem x-ten «tut uns leid, der Herr Doktor nimmt keine neuen Patienten mehr auf» entnervt an die Öffentlichkeit wendet.
Das ist der eine Strang der Geschichte. Etwas jünger ist ein zweiter Strang, jener der Überversorgung. Es werden vorschnell Knie- und Hüftprothesen eingesetzt, und die Spitalbetreiber (nicht selten der Staat selbst!) klatschen in die Hände. Mehr Behandlungen, mehr Geld in der Kasse. Das freut Regierungsräte, Spitaldirektoren und möglicherweise sogar die Bevölkerung. Wer zahlt schon gern Spitaldefizite. Ausserdem muss ein Spital, das positive Jahresrechnungen präsentiert, zwangsläufig gut sein, denkt sich der stolze Bürger und vertraut weiterhin darauf, dass sein Arzt ihm niemals eine Behandlung nahelegen würde, die er nicht braucht.
Die Zahl der Eingriffe am Herz nimmt Ausmasse an, die selbst die Ärzte erschreckt. Herzchirurg Thierry Carrel sagt in einem Interview mit «infosantésuisse»: «Tatsache ist, dass heute eine regelrechte Jagd auf Patienten stattfindet.» Viel zu viele Spitäler reissen sich um den lukrativen Markt der Herzbehandlung, fachliche Kompetenz hin oder her. Sind die Fallzahlen zu gering, setzt man halt dem Herrn Meier und der Frau Huber vorsorglich schon mal einen Stent. «Dann sind wir auf der sicheren Seite», bekräftigt man den Patienten und diese nicken. Klar, wer will das nicht!
Jüngste Meldung: Es werden zu viele Krebsabstriche zur Gebärmutterhalskrebs-Prävention gemacht. Auch das noch. Und nicht zu vergessen der Boom mit den plötzlich allgegenwärtigen seltenen Krankheiten, die die Industrie ungeschoren mit exorbitant teuren Medikamenten behandeln kann, weil keiner sich traut, Fragen zu stellen. Ganz zu schweigen von den Milliarden, die wir in der ganzen Schweiz in Spitalneubauten stecken. Es kann nicht grossspurig genug sein. Bettenbelegung hin oder her. Die kriegt man mit ein bisschen Ärzteboni und ein bisschen grosszügiger Auslegung der Evidence-Based-Medicine schon noch besser hin.
Haben wir wirklich zu wenige Ärzte? Oder kümmern sich nur einfach zu viele von ihnen um die falschen Dinge? Leistungserbringer in Spitälern, die jeden auf den Operationstisch binden, der sich nicht bei drei auf einen Baum retten konnte, sind eine äusserst ungemütliche Vorstellung.
Schön, dass sich einige Politiker inzwischen vermehrt grundsätzliche Überlegungen machen und den Apotheken mehr Kompetenzen einräumen wollen. Denn die Apotheken
- stärken mit begleiteter, fachlich fundierter Beratung die Eigenverantwortung,
- bieten die mit Abstand preiswerteste Dienstleistung im Gesundheitswesen an. Grund: Die in der Selbstmedikation eingesetzten OTC-Produkte sind günstig und werden von den Konsumenten in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlt.
- sind bezüglich Infrastruktur, Präsenz und universitären Ausbildung fähig, die Hausärzte zu entlasten mit Impfungen, Polymedikationscheck, einfachen Blutanalysen, Präventionsarbeit, Therapiebegleitung und vielem mehr.
- erhöhen mit ihrer Zweitkontrolle die Qualität der Rezeptur (zumindest dort, wo das Vieraugenprinzip nicht durch die SD unterbunden wird).
Kurz gesagt: Die Apotheken zu stärken statt sie mit ruinösen Mindestpreisen zu unterminieren, wäre ein guter Anfang für ein finanzierbares Gesundheitswesen.
14. Juli 2015
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