In der Neuen Zürcher Zeitung vom 15. September erschien ein Gastkommentar von Fabian Vaucher, Präsident von Pharmasuisse. «Brachliegende Kompetenzen sind eine Verschwendung, die wir uns nicht leisten können – erst recht nicht im Gesundheitswesen», begann er seine Ausführungen. Niemand brauche einen Gehirnchirurgen, um eine Schnittwunde zu desinfizieren. Es brauche innovative Lösungen, um die Hausärzte zu entlasten. Dank ihrer universitären Ausbildung könnten die Apotheker einen wesentlich grösseren Beitrag zur Grundversorgung leisten. Das flächendeckende Netz an Apotheken verfüge über enormes Potential. Versorgung bei akuten Gesundheitsstörungen, Unterstützung bei der Betreuung chronisch kranker und die Prävention könnten noch deutlich ausgebaut werden. Fabian Vaucher nannte auch unnötige Verzögerungen und Therapieunterbrüche durch Ferienabwesenheit des Hausarztes, die mit einem besseren Einbezug der Apotheker vermieden werden könnten.
Damit die Apotheker ihre Leistungen erbringen könnten, forderte er, brauche es genügend Studienplätze und eine gerechte Vergütung der Apotheker. Es könne nicht sein, dass Patienten für Bagatellen zum Arzt gingen, weil dort die Behandlung vermeintlich gratis sei.
Dieselbe Zeitung veröffentlichte am selben Tag einen Kommentar ihres Wirtschaftsredaktors Dominik Feldges mit Spezialgebieten Industrie, Pharma und Medizintechnik. Unter dem Titel «Apotheken, die zu Praxen mutieren» kritisiert er die Kampagne mit den grün-weissen Plakaten, die bei Schmerzen den Weg zur Apotheke weisen (siehe Beitrag 3-min.info vom 11.September). Die Apotheken seien übersät mit Dispensern für schmerzlindernde Salben, Nahrungsmittelzusätzen (damit meint er wohl Nahrungsergänzungsprodukte, aber mit solchen Finessen hält sich ein Journalist nicht auf) und «elastischen Verbänden». Er unterstellt den Apothekern, sie handelten lediglich aus wirtschaftlichem Zwang, am Schluss würden die Ratsuchenden dann doch beim Arzt landen.
Vielleicht sollte man in den Redaktionsstuben an der Zürcher Falkenstrasse auch allmählich innovativer denken und nicht nur brav abtippen, was die Ärztelobby vorgibt. Die allmählich angestaubten Strukturen mit dem allmächtigen (Haus-)Arzt als Alleinherrscher im Gesundheitswesen sind vorbei, und von einem Wirtschaftsredaktor mit Kernkompetenz Pharma darf man erwarten, dass er ein bisschen über den Tellerrand hinausschaut und nicht jede Aktion der Apotheker sogleich niederschreibt. So viel unabhängiges Denken sollte auch dem Sohn eines Arztes möglich sein.
19. September 2015
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